We are family – wie ein Kuhbild den Weg nach China fand
Manchmal gehen Bilder Wege, die man als Maler nicht planen kann. Und manchmal lernt man unterwegs auch etwas über Vertrauen, Werte – und darüber, wo die eigenen Grenzen liegen.
Dieses Werk heisst „We are family“. Eine Kuh, viel Farbe, viel Leben. Und irgendwann hing sie nicht mehr in meinem Atelier in Burgdorf, sondern in einem Eingangsbereich in ZhuHai, China.
Der Anfang: ein Angebot aus China – und ganz viel Skepsis
Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wie genau es losging. Aber ich glaube, ich habe meine Bilder über eine Zusammenarbeit mit einem chinesischen Start-up ins Spiel gebracht.
Das Start-up hiess ARTSEE. Die Idee klang auf dem Papier sympathisch: Kunst in den Alltag der Menschen bringen.
Trotzdem war ich zuerst skeptisch. Ich fragte mich immer wieder: Weshalb wollen die meine Bilder?
Ich hatte mir angeschaut, was junge chinesische Künstler so machen – und das war eine ganz andere Welt. Dann erklärte mir Sophie, die Vertreterin des Start-ups, etwas, das hängen blieb: Chinesen mögen europäische Künstler.
ARTSEE wollte meine Werke in hochaufgelösten Fotos – und damit Kunden finden, die Kunst für Produkte oder Gestaltung nutzen.
Nach anfänglichem Zögern unterschrieb ich den Vertrag.
Ich dachte: Eigentlich kann ich nur gewinnen. Wenn meine Bilder in China gezeigt werden – immerhin.
Video eines chinesischen Fans…
Die Euphorie: Luxusverpackungen und grosse Träume
Irgendwann erzählte mir Sophie, sie habe einen Kunden gefunden, der meine Kühe auf Verpackungen von Luxus-Lebensmitteln verwenden wolle.
Ich war ehrlich gesagt glücklich. Ich stellte mir schöne, hochwertige Produkte vor. Vielleicht sogar etwas, das zu meinen Themen passt: Freude, Farbe, Leben.
Ich fragte mehrmals nach, ob ich die Produkte einmal sehen könnte.
Und dann kam die unschöne Überraschung.
Der Moment, wo es kippt: VogelLisi auf Fleisch
Als ich endlich sah, worum es ging, war ich wie vor den Kopf geschlagen.
Ein VogelLisi – auf einer Fleischverpackung.
Genau das wollte ich nicht.
Nicht mein VogelLisi und Fleisch. Und sicher nicht für Fleisch in China, wo ich nichts über die Herstellung weiss – und wo ich befürchten musste, dass das nichts mit Tierfreundlichkeit zu tun hat.
Ich stoppte die Aktion so gut ich konnte.
Und danach: Funkstille. Vom Start-up hörte ich nichts mehr.
Die Wendung: Lili Wang und der Wunsch nach „We are family“
Nach einiger Zeit kam eine direkte Anfrage. Von Lili Wang, einer Chinesin.
Sie wollte „We are family“ kaufen.
Im Laufe der Verhandlungen sagte sie, dass sie vielleicht nur einen Druck bezahlen könne. Ich kam ihr entgegen – und bot an, die Versandkosten komplett zu übernehmen.
Das war gut gemeint.
Nur: Ich hatte nicht bedacht, dass während Corona die Schweizer Post nicht nach China liefern würde.
Also blieb nur DHL.
Und das war – soweit ich mich erinnere – richtig teuer: rund CHF 450 Versandkosten.
Ein Paket nach China – abgegeben beim Chrigu Beck
Hier wird’s fast filmreif.
Bei uns im Quartier gab es damals bei der kleinen Bäckerei Chrigu Beck eine Annahmestelle für DHL-Pakete.
Und so stand ich da: mit einem Kuhbild, sorgfältig verpackt – und gab es beim Chrigu Beck auf.
Ein Paket nach China.
Ich weiss noch, wie ich mich fühlte: stolz.
Ein Werk aus meinem Atelier in Burgdorf – unterwegs in die Welt.
We Are Family
„Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, macht es mir Freude“
Später schrieb mir Lili Wang diesen Satz:
„Fredis Gemälde hängt in unserem Eingangsbereich – jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, macht es mir Freude.“– Lili Wang, ZhuHai, China
Und genau darum geht es am Ende.
Nicht um Start-ups, nicht um Verträge, nicht um Verpackungen.
Sondern um diesen Moment, wenn ein Bild sein Zuhause findet – und jemandem jeden Tag ein kleines Stück Freude schenkt.
Lili Wang mit ihrem Sohn vor meinem Werk “We Are Family”
Was ich daraus gelernt habe
Diese Geschichte hat mir zwei Dinge sehr klar gemacht:
Reichweite ist nicht alles. Es zählt, wie und wo Kunst auftaucht.
Werte sind nicht verhandelbar. Ein Bild kann um die Welt gehen – aber es soll dabei nicht das Gegenteil von dem erzählen, wofür es steht.
Und trotzdem: Ich bin dankbar, dass „We are family“ seinen Weg gefunden hat.
Von Burgdorf nach ZhuHai.
Und in einen Eingangsbereich, wo es jeden Tag sagt: Willkommen daheim.